{"id":16636,"date":"2023-01-26T06:09:00","date_gmt":"2023-01-26T05:09:00","guid":{"rendered":"https:\/\/c01.purpledshub.com\/alh-editor\/?p=16636"},"modified":"2023-01-31T14:24:57","modified_gmt":"2023-01-31T13:24:57","slug":"sorry-ihr-krebsmedikament-ist-nicht-erhaeltlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/c01.purpledshub.com\/alh-editor\/2023\/01\/26\/sorry-ihr-krebsmedikament-ist-nicht-erhaeltlich\/","title":{"rendered":"\u201eSorry, Ihr Krebs&shy;medikament ist nicht erh\u00e4ltlich\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Arzneimittelengp\u00e4sse sind f\u00fcr kranke Menschen sehr verunsichernd \u2013 insbesondere, wenn sie an einer lebensbedrohlichen Krankheit leiden. Prof. Matthias Beckmann, Direktor des Comprehensive Cancer Center Erlangen-N\u00fcrnberg, kennt das bei seinen Krebspatientinnen aus eigenem Erleben: \u201eDie Frauen fallen geradezu in sich zusammen, wenn sie h\u00f6ren, ihr Arzneimittel ist nicht mehr verf\u00fcgbar\u201c, berichtet er.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"kein-plan-b-in-der-krebstherapie\">Kein Plan B in der Krebstherapie<\/h2>\n\n\n\n<p>Gemeinsam mit anderen Koryph\u00e4en macht er in einem Pressegespr\u00e4ch der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr H\u00e4matologie und Medizinische Onkologie e. V. (DGHO) auf akute Engp\u00e4sse auch bei Krebsmedikamenten aufmerksam. Denn nicht nur Paracetamol- oder Ibuprofen-haltige Fiebers\u00e4fte f\u00fcr Kinder sind derzeit Mangelware \u2013 auch \u00fcberlebenswichtige Tumortherapeutika. Denn viele Krebsmedikamente sind hochspezialisiert, einen ad\u00e4quaten Plan B f\u00fcr die Therapie gibt es h\u00e4ufig nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr ist Tamoxifen. Das Medikament wird seit Jahrzehnten zur Nachsorge von Patientinnen mit hormonsensiblen Brusttumoren eingesetzt. Es hemmt Botenstoffe, die das Wachstum dieser Tumoren beg\u00fcnstigen. Im Fr\u00fchjahr 2022 hie\u00df es pl\u00f6tzlich: \u201enicht lieferbar\u201c. Patientinnen klapperten die Apotheken ab, Apotheker telefonierten sich die Finger wund, um doch noch eine Packung aufzusp\u00fcren.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"wenn-die-beste-chance-auf-ueberleben-gerade-vergriffen-ist\">Wenn die beste Chance auf \u00dcberleben gerade vergriffen ist<\/h2>\n\n\n\n<p>Dabei soll die f\u00fcnfj\u00e4hrige Behandlung l\u00fcckenlos sein. Die Frauen werden daher von ihren \u00c4rztinnen und \u00c4rzten auf die Therapie geradezu eingeschworen. \u201eWir empfehlen die beste Behandlung. Und dann m\u00fcssen wir den Patientinnen sagen: Momentan geht es leider nicht\u201c, so Beckmann. Das Vertrauensverh\u00e4ltnis zu den Patientinnen sei dann nachhaltig gest\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr noch: F\u00fcr j\u00fcngere Brustkrebspatientinnen, die noch nicht in den Wechseljahren sind, gibt es ohnehin keine akzeptable Alternative. Denn bei anderen Pr\u00e4paraten gilt: \u201eDie Nebenwirkungen sind so schwer, dass die Patientinnen die Medikamente absetzen\u201c, so der Mediziner.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"fehlende-puzzlesteine-gefaehrden-den-therapieerfolg\">Fehlende Puzzlesteine gef\u00e4hrden den Therapieerfolg<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Mangel gef\u00e4hrdet den Therapieerfolg: In den letzten Jahrzehnten hat gerade die Brustkrebstherapie enorme Fortschritte gemacht. 90 Prozent der Patientinnen \u00fcberleben, die meisten gelten irgendwann als geheilt. Doch das funktioniert nur, wenn sie auch nach dem aktuellen Stand der Forschung behandelt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Jede Krebstherapie ist ein feintariertes Puzzle von Ma\u00dfnahmen und Medikamenten, jedes Teilchen, das fehlt, reduziert den Erfolg. Derzeit ist es um viele Puzzleteilchen schlecht bestellt: Tamoxifen ist zwar inzwischen wieder erh\u00e4ltlich. Daf\u00fcr gibt es aktuell bei zehn anderen Medikamenten, die f\u00fcr die Krebstherapie essenziell sind, erhebliche Lieferprobleme.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"preiskampf-im-generikasektor\">Preiskampf im Generikasektor<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00dcberwiegend sind es bew\u00e4hrte Medikamente wie Tamoxifen, deren Patentschutz schon lange abgelaufen ist. Sie werden dann sehr viel kosteng\u00fcnstiger von sogenannten Generika-Herstellern produziert. Das entlastet zun\u00e4chst das Gesundheitssystem.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Kostendruck ist aber so hoch, dass die Medikamente selbst oder wesentliche Grundstoffe mitunter weltweit nur noch von wenigen oder gar von einem einzigen Anbieter produziert werden \u2013 oft im Ausland, insbesondere in China und Indien.<\/p>\n\n\n\n<p>Das bedeutet aber auch: F\u00e4llt ein solches Unternehmen aus, wird es weltweit eng. 2016 gab es eine Explosion in einem chinesischen Werk. In der Folge wurde das Antibiotikum Piperacillin weltweit \u00fcber Monate knapp.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"bruechige-lieferketten\">Br\u00fcchige Lieferketten<\/h2>\n\n\n\n<p>Noch ein weiterer wesentlicher Schwachpunkt hat sich in der Pandemie drastisch offenbart: Funktionieren die Lieferketten an irgendeinem Punkt nicht mehr, sind Engp\u00e4sse vorprogrammiert. Davon sind nicht nur Generika betroffen: Auch bei unter Patentschutz stehenden Therapien gibt es immer h\u00e4ufiger Probleme.<\/p>\n\n\n\n<p>Entweder, weil der Hersteller selbst Schwierigkeiten hat. Oder es mangelt an Generika, die in Kombination mit den Pr\u00e4paraten eingenommen werden m\u00fcssen. Dazu geh\u00f6ren unter anderem Calciumfolinat, Harns\u00e4uresenker, Antibiotika und Immunglobuline. Meist federn sie Nebenwirkungen ab. Starke \u00dcbelkeit beispielsweise, aber auch schwere Langzeitfolgen wie Nierensch\u00e4den.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir k\u00f6nnen manche innovativen Medikamente nicht anwenden, nur weil der Langzeitpartner nicht vorhanden ist\u201c, berichtet Beckmann. \u201eDas ist eine perverse Situation.\u201c Betroffen ist beispielsweise ein sogenannter Checkpoint-Inhibitor, der gegen besonders t\u00fcckische Brustkrebsformen wirkt: die tripple-negativen Mammakarzinome. Er selbst ist lieferbar, nicht aber das nierensch\u00fctzende Co-Medikament.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"ein-lieferengpass-ist-noch-kein-gau\">Ein Lieferengpass ist noch kein GAU<\/h2>\n\n\n\n<p>Allerdings: \u201eNicht jeder Engpass ist gleich ein GAU!\u201c, betont Prof. Bernhard W\u00f6rmann, leitender Krebsmediziner an der Charit\u00e9 und Medizinischer Leiter der DGHO. Mit M\u00fche und Kreativit\u00e4t lassen sich viele Lieferprobleme abfedern und eine echte Unterversorgung vermeiden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bislang ist es so oft gelungen, fehlende Medikamente doch noch herbeizuschaffen \u2013 aus dem europ\u00e4ischen Ausland beispielsweise. Das ist komplizierter als es klingt, wobei fremdsprachige Beipackzettel noch die geringste Sorge sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch oft sind Medikamente, die fehlen, ja weltweit knapp. Und das gilt dann auch bald f\u00fcr m\u00f6gliche Alternativmedikamente, auf die sich alle st\u00fcrzen \u2013 sofern es denn welche gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen versch\u00e4rfen auch Hamsterk\u00e4ufe auf nationaler Ebene die Problematik. Das f\u00e4ngt bei \u00c4rzten und \u00c4rztinnen an, die ihren Patientinnen und Patienten gro\u00dfz\u00fcgig Rezepte ausstellen, um sie abzusichern. Das passiert aber auch in gr\u00f6\u00dferem Stil, wenn Gro\u00dfeink\u00e4ufer sich eindecken.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"was-tun\">Was tun?<\/h2>\n\n\n\n<p>Was tun? Kurzfristige Ma\u00dfnahmen wurden bereits ergriffen. Beispielsweise hat man die Importvorschriften f\u00fcr Medikamente gelockert. Auch wurde die Produktion, beispielsweise von Tamoxifen, wieder heraufgefahren &#8211; allerdings auf Kosten der Kapazit\u00e4t f\u00fcr andere Medikamente.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem sollen knappe Medikamente k\u00fcnftig nur noch in kleineren Einheiten verordnet werden k\u00f6nnen. Auch das Aufkaufen gr\u00f6\u00dferer Kontingente soll k\u00fcnftig begrenzt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Pharmafirmen sollen au\u00dferdem verpflichtet werden, rechtzeitig \u00fcber drohende Lieferengp\u00e4sse zu informieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Derzeit wird zudem eine Liste erstellt, die Alternativen zu den 200 wichtigsten Medikamenten erfassen soll. Die Fachgesellschaften sind gerade dabei, Vorschl\u00e4ge f\u00fcr Alternativpr\u00e4parate zu sammeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Mittelfristig will man den bev\u00f6lkerungsweiten Bedarf an unverzichtbaren Arzneien f\u00fcr bis zu drei Monate bevorraten. Experten streben hier eine gesamteurop\u00e4ische L\u00f6sung an. Allerdings k\u00f6nnte das die Umsetzung verz\u00f6gern.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"wie-koennte-es-in-zukunft-laufen\">Wie k\u00f6nnte es in Zukunft laufen?<\/h2>\n\n\n\n<p>All diese Ma\u00dfnahmen packen das Problem allerdings nicht bei der Wurzel: Von manchen Medikamenten werden einfach zu wenig hergestellt &#8211; oder aber sie werden von zu wenigen Herstellern produziert. Langfristige Ma\u00dfnahmen sollen daher gew\u00e4hrleisten, dass die Produktion von Medikamenten und Medikamentengrundstoffen wieder durch mehr Anbieter erfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu m\u00fcsste der Preisdruck insbesondere auf Generika reduziert werden, damit sich die Produktion wieder lohnt. Denn w\u00e4hrend f\u00fcr innovative Medikamente teils Mondpreise abgerufen werden, geht es in der Generika-Herstellung oft um jeden Cent.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"was-produktionsstandards-im-ausland-bringen-koennten\">Was Produktionsstandards im Ausland bringen k\u00f6nnten<\/h2>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Hebel k\u00f6nnte sein, st\u00e4rker auf Produktionsstandards im Ausland zu pochen. Wenn Produzenten Umweltstandards und faire Arbeitsverh\u00e4ltnisse gew\u00e4hrleisten m\u00fcssten, w\u00e4ren Dumpingpreise auch dort nicht mehr zu halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier einzugreifen w\u00e4re zudem nicht nur aus ethischer, sondern auch aus schlichtem Selbstinteresse geboten: Unter anderem werden durch bei unsachgem\u00e4\u00dfer Antibiotikaproduktion und schlecht gekl\u00e4rte Abw\u00e4sser dort vielerorts multiresistente Keime in der Umwelt geschaffen.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem wird der Ruf laut, durch gezielte Aufforstung pharmazeutischer Produktionsst\u00e4tten f\u00fcr wichtige Arzneien in Europa die hiesige Versorgung mit Medikamenten und Arzneigrundstoffen abzusichern. Nur so lie\u00dfe sich die Gefahr durch Lieferengp\u00e4sse und Abh\u00e4ngigkeiten von internationalen Monopolisten einhegen.<\/p>\n\n\n\n<h2 id=\"so-oder-so-es-wird-teurer\">So oder so: Es wird teurer<\/h2>\n\n\n\n<p>Ob Vorratslagerung, Preisanreize oder inl\u00e4ndische Produktion \u2013 eines steht fest: Eine gesicherte Versorgung mit den wichtigsten Medikamenten wird mehr kosten. Die \u00d6konomisierungs-Schrauben-Taktik der letzten Jahrzehnte ist gescheitert: im Bereich der Krankenh\u00e4user, des Pflegepersonals, der niedergelassenen \u00c4rzte mit vorgesehenen 7-Minuten-Beratungszeith\u00e4ppchen pro Patienten \u2013 und eben auch im Bereich der Medikamentenversorgung. All diese Beispiele zeigen: Zu viel Einsparen im Gesundheitssektor kommt am Ende alle teuer zu stehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lieferprobleme im Arzneibereich betreffen auch Krebsmedikamente. F\u00fcr die Betroffenen ist das ein Schock. Wie kann das mitten in Europa passieren? 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